Gesellschaftlicher Umgang mit psychischen Erkrankungen

Teil 1:

 

Ein Thema, welches mich seit sehr langer Zeit beschäftigt ist das Stigma psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft. Als Betroffene beschäftige ich mich quasi täglich mit der Frage, merkt man mir das alles an? Was denken die Leute von mir? Denken die ich bin verrückt? Warum kann ich nicht einfach genauso leicht sagen, "ich habe eine PTBS" wie ich habe eine Grippe oder ein gebrochenes Bein?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich bisher noch nicht wirklich - für mich akzeptable Antworten - auf diese Fragen bekommen. Aber wie bekommt man die auch? Man fragt ja nicht seine Freunde, Bekannte oder Arbeitskollegen ob die einen für Irre halten oder ob denen irgendwas an einem auffällt. Würde man da überhaupt eine Antwort darauf bekommen? Und wenn ja, würde ich es überhaupt glauben oder würde ich jede Antwort wieder anzweifeln und - für mich selbst - in Frage stellen?

 

Bin ich weniger Wert als "gesunde" Menschen? Weniger Leistungsfähig? Habe ich überhaupt das Recht darauf, "normal" zu leben? Wie wäre ich, wenn das alles nicht passiert wäre? Dieser Katalog könnte noch beliebig fortgesetzt werden, aber ich will es erst mal dabei belassen. 

 

Fragen über Fragen .... und weit und breit keine Antworten.

 

Ich lebe nun bereits "ganz offiziell" seit über 17 Jahren mit der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung. Inzwischen hat der ein oder andere daraus aufgrund diverser Begleiterscheinungen eine "komplexe PTBS" gemacht, die aber im deutschsprachigen Raum noch nicht allgemein anerkannt ist. Letzten Endes ist es aber auch egal, wie sich die Diagnose jetzt genau nennt. Fakt ist: Ich bin psychisch krank und das seit vielen Jahren.

Gehe ich offen mit der Erkrankung um? Mal mehr, mal weniger. Diese Seite ist ein wichtiger Schritt dazu.

Immer wieder nehme ich mir vor, offen mit der Erkrankung umzugehen, mache dann aber doch oft wieder den Rückzieher, aus Angst vor negativen Reaktionen oder gar Konsequenzen. 

Das resultiert nicht zuletzt aus der Tatsache, dass ich durchaus schon sehr negative Erfahrungen mit einem solchen "Outing" gemacht habe. Kurz zusammengefasst, wurde ich von einem ehemaligen Arbeitgeber gekündigt, als ich diesem gegenüber erklärte, dass aufgrund einer PTBS in ambulanter Therapie bin und deswegen einmal die Woche früher weg muss (Therapie) und ein stationärer Aufenthalt angedacht ist.

Ich weiß heute noch, wie viel Kraft und Überwindung es gekostet hat, diese Worte über die Lippen zu bringen. Kurze Zeit später wurde mir ein Aufhebungsvertrag angeboten (damit kann man quasi der Kündigung vorbeugen. Nett, oder?). Auch wenn es rechtlich grundsätzlich möglich ist, aus Krankheitsgründen zu kündigen, war dies ein harter Schlag. Meine Arbeit war ok. Ich war gut. Kollegen und Mandanten zufrieden. Aber ich war krank. Ich denke dort hat sich niemand großartig Gedanken über die Auswirkungen dieser "Kündigung" gemacht. Es ging einzig und allein um wirtschaftliche Gründe. Da hat der Einzelne oft keinen Platz.

 

Aber kann sich das unsere Gesellschaft überhaupt leisten? Darf es sich eine Gesellschaft leisten, Kranke und Schwache auszugrenzen und zu diskriminieren? Ich denke NEIN. Es kann jeden treffen: Ob Depression, Essstörung, Angststörung, Burn-Out, Demenz oder PTBS. In Deutschland leidet fast jeder dritte Erwachsene zumindest zeitweise unter einer psychischen Erkrankung. Auch wenn sich das gesellschaftliche Bild in den letzten Jahren schrittweise gewandelt hat, werden Betroffene vielerorts immer noch stigmatisiert und ausgegrenzt. Schicksale wie z.B. das von Robert Enke machen viele Betroffen und führen dazu, dass das Thema auch medial aufgegriffen wird. Die Gesellschaft akzeptiert langsam, dass es grundsätzlich psychische Erkrankungen gibt. Aber es ist nochmal ein Unterschied, ob man sich allgemein das Thema nicht mehr ignoriert, oder ob man tatsächlich mit dem Schicksal der Betroffenen konfrontiert wird. Der Einzelne darf sich nicht darauf ausruhen, dass es ja eine "gesellschaftliche Aufgabe" ist. Jeder Einzelne kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass Betroffene offen mit ihren Erkrankungen umgehen können und sich dafür nicht schämen müssen. 

 

Ja, es kann vorkommen, dass man sich unbeholfen und "merkwürdig" vorkommt, wenn man von der psychischen Erkrankung eines Freundes, eines Bekannten oder Arbeitskollegen erfährt. Das ist nur all zu verständlich, wenn man mit dem Thema zuvor kaum oder gar nicht konfrontiert wurde. 

 

Ich sage dazu nur: Keine Angst. Wir sind normale Menschen, die einfach nur das ein oder andere Problem haben und dementsprechend öfter auf fremde Hilfe angewiesen sind. Und mit Hilfe ist dabei oft einfach nur ein "da sein" gemeint. Gerade in schwierigen Situationen oder in Krisen braucht man oft einfach jemanden der einfach nur da ist, auf welche Weise auch immer. Man muss nicht immer sprechen oder Probleme wälzen oder gar das Problem lösen. Akzeptanz, Verständnis, Zeit und Aufmerksamkeit sind oft mehr wert als man sich vorstellen kann.

 

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht? Fühlt Ihr euch stigmatisiert?