Das lange Schweigen


Achtung: Triggerwarnung

 

Eine Frage, die einem oft gestellt wird und eine Frage, die man sich selbst nur all zu oft stellt ist die: Warum habe ich so lange geschwiegen? Warum habe ich niemandem was gesagt? Warum habe ich keine Hilfe geholt?

 

Eine Frage, auf die man nur schwer eine direkte und verständliche Antwort findet.

Um zu verstehen, warum so viele Missbrauchsopfer teils Jahr oder gar Jahrzehnte schweigen muss man sich bewusst machen, dass eine solche Erfahrung tiefgreifend in die Biografie der Betroffenen eingreift und tiefe Wunden und deutliche Spuren, wenn auch nicht immer körperlich, hinterlässt. Wenn man dann zu Beginn des Missbrauchs noch sehr jung ist hat man meist auch gar keine Ahnung, was da überhaupt passiert. Ein Kind ist nicht in der Lage sexuelle Übergriffe, die nicht immer mit starker physischer Gewalt verknüpft sind - jedenfalls anfänglich, als Verboten und Verbrechen einzusortieren. Man merkt vielleicht, dass etwas komisch ist, aber mehr auch nicht. 

 

Häufig können die Betroffenen die Schweigemauer aus Scham und Loyalität zum Täter kaum überwinden. Darüber hinaus halten sie sich ohnehin für die eigentlich Schuldigen.

 

Von Nicht Betroffenen hört man dann ganz oft: "Das ist doch verrückt. Du bist nicht Schuld. Du warst doch noch ein Kind".

 

 

Aus Sicht der Betroffenen ist es jedoch leider nicht ganz so einfach.

Kinder, die sexuelle missbraucht werden, befinden sich meist in einem gewaltigen Loyalitätskonflikt. Sexueller Missbrauch findet in den meisten Fällen in einem Umfeld statt, in dem das Opfer sich geschützt fühlt. Die Täter sind Verwandte, gute Bekannte, Vertrauenspersonen, denen das Kind mit seinem naiven Wunsch nach Nähe, Zuneigung und Aufmerksamkeit begegnet. Das Kind vertraut dem Erwachsenen oft blind, egal was dieser tut. Wenn ein Erwachsener sagt, dass macht man so, dann wird das akzeptiert und gemacht. 

Zudem bauen die Täter oft ein besonderes Verhältnis zum Opfer auf. Sie kümmern sich, wenn sonst niemand da ist; machen Geschenke, sind liebevoll und Aufmerksam. Erst viele Jahre später erkennt man, dass all diese "Liebe" und "Aufmerksamkeit" ausschließlich Mittel zum Zweck war, nämlich das Opfer von anderen zu isolieren um die Missbrauchshandlungen ungestört vornehmen zu können. 

 

Hinzu kommt, dass sich Kinder eigentlich immer als Auslöser sehen, wenn etwas Schlimmes in ihrem Umfeld passiert. Im Fall von sexueller Gewalt: Ich bin schuld, ich habe den verführt. Mit genau diesem ausgeprägten kindlichen Schuldgefühl spielen die erwachsenen Täter, wenn sie behaupten, dass das Kind sie angemacht und aufgereizt hätte. Wie also soll ein Kind jemandem anvertrauen, dass "der XXX" etwas Böses gemacht hat, wenn es doch selbst daran schuld ist? Es schweigt lieber und hütet das Geheimnis. Wenn sich dann noch das Schamgefühl entwickelt, und einem zuvor schon gesagt wurde, wie "Pfui" das Spielen mit den Genitalien ist, kommt zum Schuldgefühl die Scham hinzu und verstärkt das Schweigen immer mehr. 

 

Hinzu kommen die diversen Drohungen und Schuldzuweisungen der Täter selbst. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich mir folgende Sätze anhören durfte:

"Wer wird dir schon glauben". 

"Du kommst ins Heim und deine Eltern ins Gefängnis".

"Du hast doch gesagt, dass du das magst".

Bis zu einem gewissen Alter sind allein diese Sprüche höchst effektiv.

Es kommt aber natürlich auch die Zeit, in der man vielleicht nicht genau weiß, was das ist, was da passiert, aber in der man in jedem Fall weiß, dass das falsch ist. Dann kommen Drohungen gegen das eigene Leib und Leben, das von Geschwistern etc. hinzu.

 

Aber auch nachdem der Missbrauch beendet wurde, setzt sich das Schweigen oft noch Jahre fort. Warum?

Die Worte der Täter klingen einem jeden Tag, jede Nacht im Ohr. "Dir wird eh niemand glauben; du bist schuld, du wolltest das doch so". Schuldgefühle werden übermächtig. Die Scham unerträglich. Beides Gefühle die einen verstummen lassen.

 

Und dann stellt man sich immer wieder diese Frage: Wird mir das überhaupt jemand glauben? Darf ich über solche Dinge überhaupt sprechen; möchte ich das? Was denken die Leute von mir? Wie soll ich das überhaupt sagen? Du kannst doch niemanden damit belasten. Die haben ihre eigenen Probleme.

 

Aktuell beschäftige ich mich sehr oft mit der Frage "Glaubt man mir, bzw. Warum glaubt man mir nicht?"

Noch bis vor einigen Monaten war das für mich kein großes Thema, da ich bis dahin nie mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass mir jemand offen sagt, man glaubt mir nicht. 

Leider hat sich das inzwischen geändert, was mich zutiefst verletzt und verunsichert hat und viele alte Wunden aufgerissen hat, von denen ich hoffte, sie wären verschlossen. Eine offizielle Stelle behauptet, das wäre alles nie so passiert, sondern Eigen- und Fremdsuggestion.

Daraufhin habe ich meine Therapeutin gebeten, ob sie mir das bitte so einreden (suggerieren) kann, dass das alles nie passiert ist und ich mir alles nur eingebildet habe.

 

Man dissoziiert, fällt in Flashbacks, der Täter erscheint und lacht: "Ich hab dir doch gesagt, niemand wird dir glauben".

 

Schreibt mir gerne Eure Anmerkungen, Erfahrungen und Gedanken in die Kommentare.